Senta Berger über ihren letzten Film: “Ganz zurückziehen werde ich mich auch nicht”
Claudia Böhm
von Claudia Böhm
Im GALA-Interview spricht Senta Berger über ihren letzten Film – und verrät, wofür sie besonders dankbar ist.
Exzentrische Kostüme, turbulente Handlung, witzige Dialoge – in der Romanverfilmung “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” zeigt Senta Berger, 84, ihr ganzes Können. Kaum zu glauben, dass der Kinofilm ihre letzte Rolle sein soll: Der “Süddeutschen Zeitung” verriet die gebürtige Wienerin kürzlich, die Tragikomödie sei “ein wunderbarer Abschied” – um neue Rollen kümmere sie sich nicht mehr.
Seit den 1950er Jahren prägte Senta Berger mit ihrem Talent und ihrem unnachahmlichen Charisma die Filmlandschaft. Sie wurde in Deutschland und Österreich, aber auch in Italien und sogar Hollywood als Star gefeiert. 60 Jahre lang stand der Schauspielerin dabei ihr Ehemann zur Seite, Regisseur Michael Verhoeven. Sein Tod im April 2024 traf sie tief.
Die Arbeit am neuen Film habe etwas Heilendes gehabt, sagt Berger heute. Dass sie – nach einem Oberschenkelhalsbruch am vergangenen Wochenende – die Premiere am 27. Januar wohl leider verpassen wird, ändert daran sicher nichts.
Senta Berger über die Zusammenarbeit mit ihrem Sohn
Welche Rolle spielte es für Sie, dass Ihr Sohn Simon Verhoeven bei dem Film Regie geführt hat?
Ich hatte Simon das Buch vor einigen Jahren geschenkt, und er hatte sich um die Filmrechte bemüht. Aber sie waren leider schon vergeben. Umso mehr haben wir uns gefreut, als Simon dann die Regie angeboten wurde – und mir später die Rolle der Großmutter.
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Haben Sie gleich zugesagt?
Zuerst habe ich gezögert, weil ich nicht sicher war, ob ich mich dieser Frau genügend annähern kann, um sie verantwortungsvoll darzustellen. Mein Mann lebte damals noch, er hat meine Bedenken dann zerstreut. Die Dreharbeiten waren anschließend sehr schön und intensiv. Ich habe mich jeden Drehtag auf die Arbeit gefreut. Und Simon ist ein großartiger Regisseur, sehr feinfühlig und behutsam.
Und wie war es, gemeinsam mit Ihrem Sohn zu drehen?
Unsere Arbeit ist nicht geprägt von einem Mutter-Sohn-Verhältnis, sondern von dem eines Regisseurs zu seiner Schauspielerin. Natürlich wusste das gesamte Team, dass der Tod meines Mannes eine große Lücke und Leere bei meinen Söhnen und mir hinterlassen hat. Aber die Konzentration auf die Arbeit und die besonders harmonische Stimmung haben mir geholfen, mich in meinem Beruf und in meinem Leben wieder zurechtzufinden.
So erinnert sie ihren verstorbenen Mann
Wie geht es Ihnen heute, knapp zwei Jahre nach seinem Tod?
Danke der Nachfrage. Kürzlich habe ich eine Retrospektive mit zehn Filmen meines Mannes im schönsten Kino Münchens organisiert. Ich habe jeden der Filme vorgestellt, erzählte, wie er entstanden ist und warum. Im Anschluss entwickelte sich noch eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum – Michael hätte sich darüber gefreut. Meine Söhne und ich haben jeden der zehn Filme im Kino gesehen. Es war aufregend für uns, die wir nun alle erwachsen sind, Michaels ersten Film “Paarungen” zu schauen, den er 1967 gedreht hat. Nur Michael hat gefehlt.
Auch in “Ach, diese Lücke” geht es um Tod und Verlust. War es nicht schwer, diese Szenen zu spielen?
Nicht wirklich. Ich spiele ja. Ich stelle etwas her. Dabei muss man die gesamte Technik im Blick haben, Vereinbarungen mit dem Kameramann einhalten, der dich an einer bestimmten Stelle festhalten möchte, weil dort das Licht so besonders weich ist. Der Tonmann bittet um mehr Lautstärke und so weiter und so fort. Aber natürlich geht es im Film auch um Emotionen und Situationen, die meinem Sohn und mir sehr nahegehen.
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Sie spielen Inge Birkmann, die Großmutter des bekannten Schauspielers und Autors Joachim Meyerhoff – eine eher exzentrische Dame und Schauspielerin. Haben Sie sich denn auch ein bisschen in ihr wiedererkannt? Wie viel Diva steckt in Senta Berger?
Inge Birkmann zu spielen, war etwas Besonderes. Sie war ja nach ihren Bühnenjahren eine strenge Schauspiellehrerin – von vielen auch heute noch geliebt, von anderen gefürchtet. Ich selbst habe sie persönlich nicht mehr kennengelernt, aber viele Geschichten über sie gehört. Wie weit ihre Art, sich zu geben und darzustellen, auch ein Schutzmantel war, hinter dem sich die private Inge zurückziehen konnte, kann ich nur vermuten. Ich erkenne mich nicht wirklich in ihr wieder. Deshalb habe ich ja auch gezögert, sie im Film zu spielen, und musste mich der Aufgabe langsam nähern.
Die Erinnerung an Senta Bergers Großmutter
Im Film wird von morgens bis abends Alkohol getrunken. Mal um den Kreislauf anzuregen, mal als Aperitif oder Digestif, mal als “Sundowner” oder “Nightcap”. Ist das in Schauspielerkreisen tatsächlich so üblich? Oder ein Klischee?
Die Großeltern im Film haben Rituale entwickelt, die ihrem Leben eine Art Form geben sollen. Ihre Freunde sterben, es entstehen Lücken. Verluste, die sich leichter mit einem Glas Wein ertragen lassen. Wie erträgt man die Gedanken an den Tod? Viele Menschen können das nachvollziehen. Aber das Schauspielen an sich ist ein sehr schwerer Beruf mit präzisen Anforderungen. Man muss einen hellen, klaren Kopf haben, um ihn auszuführen. Mit Alkohol geht das nicht.
Die Großmutter, die Sie im Film verkörpern, hat mit der klassischen Oma so gar nichts zu tun. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Großmutter?
Die Mutter meines Vaters war meine “Omama”. Wir haben uns selten gesehen, doch dann kochte sie in ihrer winzigen Küche die herrlichsten Suppen für mich. Sie ging niemals mit mir zum Kinderspielplatz oder ins Kino, wir waren immer nur in ihrer Wohnung. Ich erzählte ihr von der Schule, von den Mädchen in meiner Klasse. Aber sie erzählte nie etwas von sich.
Inge Birkmann war eine große Liebhaberin des Guerlain-Duftes “Shalimar”. Welche Düfte lieben Sie?
Ich habe mir “Shalimar” tatsächlich gekauft und während der Dreharbeiten getragen, um Inge Birkmann nahe zu sein. Privat verwende ich eher herbe Zitronendüfte, zum Beispiel den Balmain-Duft “Vent Vert”.
Das war ihr letzter Film
Ebenso liebte Inge Birkmann große Roben und dramatische Muster. Wie modeinteressiert sind Sie selbst?
Ich verfolge Mode schon seit einer Weile nicht mehr. Als junge Frau habe ich alles ausprobiert, Mode hat mir Spaß gemacht. Das hat sich ganz verloren – schade eigentlich. Heute trage ich ganz einfache, gut geschnittene Kleider und Hosenanzüge. Inge Birkmanns Stil war extravagant, aber auch pragmatisch. Es hat mir Spaß gemacht, in diese wunderbaren, seltsamen Kostüme zu schlüpfen.
Sie haben angekündigt, dass dieser Film Ihr letzter sein soll und Sie sich ins Privatleben verabschieden möchten. Was hat den Ausschlag dafür gegeben?
“Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” ist wirklich geglückt. Die Arbeit mit meinem Sohn Simon war inspirierend, genau wie die mit meinem Film-Ehemann Michael Wittenborn und mit Bruno Alexander, der meinen Enkel spielt. Bruno ist großartig! Wir hatten ein tolles Drehbuch, das Simon geschrieben hat, ein tolles Ensemble und ein engagiertes Team, mit dem es eine Freude war zu arbeiten. Was soll da jetzt noch kommen, frage ich mich! Aber ganz zurückziehen werde ich mich ja auch nicht. Ich habe für dieses Jahr bereits jede Menge Termine.
“Meine Freunde sind fast alle tot”
Zum Beispiel?
Friedrich von Thun und ich lesen “Szenen einer Ehe” von Loriot, ein sehr vergnügliches Programm.
Wie wichtig waren und sind Freunde für Sie im Leben?
Meine Freunde sind fast alle tot. Das hört sich traurig und grausam an, und das ist es auch. Meine Kinder sind mir Freunde. Aber ich kann sie nicht fragen “Weißt du noch …?” – das fehlt mir schon sehr.
In diesem Jahr feiern Sie Ihren 85. Geburtstag, was man kaum glauben kann, wenn man Sie sieht. Wie schauen Sie auf Ihr Leben?
Ich blicke mit Dankbarkeit zurück. Darauf, was für ein reiches Leben wir gehabt haben. Welchen Weg ich gegangen bin. Wie ich mich entwickelt habe. Welchen Menschen ich begegnet bin. Welches Glück mir mein Mann und meine Söhne geschenkt haben.
Gala
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